IGNAZ CASSAR

444 Archive

Titel: 444 Archive
Datum: 2008
Material: Archivschachteln, Silbergelatinepapier, stählerne Regalmodule, schwarzes Klebeband
Dimensionen: variabel
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Die Archivierung der Archive Londons
444 Archive ist selbst ein Archiv. Es ist ein Archiv der Archive. Es untersucht die Konstitution des Konzeptes »Archiv« und unseren archivarischen Drang zur Konservierung im Hinblick auf das fotografische Dokument. Als eine Sammlung bringt es 444 fotografische Aufzeichnungen von 444 öffentlichen Archiven in Groß-London zusammen, um dadurch auf London als Archiv aufmerksam zu machen.
Miteinander gemein haben all diese Archive die Tatsache, dass sie als öffentliche Depots im Vereinigten Königreich registriert sind und dass sie sich innerhalb der administrativen Zone von Groß-London befinden. Sie umfassen eine eklektische Mischung aus Archiven unterschiedlichster Größen, wie zum Beispiel Kunstsammlungen, Bibliotheken, öffentliche Verzeichnisse, örtliche Studienzentren, Gemeinschaftsarchive, Museen, Bildbibliotheken und Firmenarchive, nur um einige davon zu nennen.

444 Archive wandelt existierende Sammlungen in Akten eines weiteren Archivs um. Die Arbeit wird dabei zu einem Meta-Archiv, das sich auf die Klassifizierung anderer Archive ausrichtet. So führt es auch gleichzeitig sein eigenes taxonomisches System ein. Es legt sich über die bestehenden, in den Archiven Londons innewohnenden Taxonomien und erzeugt dabei eine weitere Ebene der Klassifizierung.

Die Arbeit erkundet das Archiv einerseits als System der Klassifikation und andererseits als physischer Ort für die klassifizierten Dokumente. Als ein eigenständiges Archiv macht sich 444 Archive ein Bild von Archiven und archiviert gleichzeitig ihre Bilder.

Bildermachende Archive

444 Archive ist eine Installation, die auf fotografischen Arbeiten basiert. Wie der Titel der Arbeit bereits andeutet, handelt es sich hierbei um eine Sammlung von 444 Fotografien von 444 öffentlich registrierten Archiven in Groß-London. Jede Fotografie ist in einer der 444 Archivschachteln, aus denen die Arbeit besteht, aufbewahrt. Jedoch dienen die grauen Archivschachteln – so typisch für die visuelle Sprache des Archivs – nicht nur als schützender Behälter für das archivierte Dokument, sondern auch als Lochkamera.

Jede Schachtel enthält ein einzelnes, signiertes Blatt aus Fotopapier. Ein kleines Loch, das als Lichtöffnung fungiert, verwandelt die Schachtel in eine Lochkamera. Die Schachtel/Kamera hat zwei Funktionen: sie ermöglicht die fotografische Registrierung des öffentlichen Archivs (Kamerafunktion); und sie ist der Aufbewahrungsort für das entstandene Bild (Archivfunktion). Unter Verwendung dieser Schachteln/Kameras wurden Bilder von jedem Gebäude, das eines der 444 öffentlichen Archive beherbergt, aufgenommen, um dabei eine Sammlung von 444 fotografischen Akten anzulegen.

Archivierte Bilder

Sobald ein Archiv »fotografiert« worden ist, wird die Schachtel/Kamera dauerhaft verschlossen. Das eingefangene Bild ist dadurch in den Raum des Archivs »verurteilt«. Ein Etikett an jeder Schachtel klassifiziert die in ihrem Inneren archivierte Bildakte, indem es den Namen des Archivs, seinen Ort und das Datum der Aufnahme angibt. Die Archivschachtel, die vorher als Kamera funktioniert hat und die »schwarze Schachtel« erforderlich für das Schaffen des fotografischen Bildes bereitgestellt hat, wird nun des Bildes Grab.

Das fotografische Bild wird in der Schachtel im latenten Zustand archiviert. Das Bild ist konserviert im Inneren der Schachtel und dadurch »lebendig« gehalten für die Zukunft. Gleichzeitig wird es auch in seiner Sichtbarkeit negiert, sowohl als Bild als auch als fotografisches Objekt. Als Bild bleibt es unentwickelt und daher im unsichtbaren Bereich der Latenz; als fotografisches Objekt bleibt es im Inneren der Schachtel eingeschlossen und kann in seiner Rolle als Archivakte nicht konsultiert werden.

444 Archive wendet das archivarische Prinzip der Konservierung gegen sich selbst. Während es ein taxonomisches System hervorruft wie jedes andere Archiv auch – das Zusammentragen von 444 öffentlichen Archiven Londons in der Form fotografischer Dokumente – so wird es anschließend zur »Falle« dieser gerade eben gewonnenen Fotografien. 444 Archive sperrt die fotografischen Bildakten ein. Es behält sie für immer in seinem Inneren. Immerwährend aufgehoben.